EU-Gutachten verengt den Spielraum in deutschen Wettverlust-Verfahren

Im Streit um alte Online-Sportwetten in Deutschland geht es nicht mehr nur um die Frage, ob Spieler Geld zurückfordern können. Nach einem neuen EU-Gutachten rückt nun stärker in den Mittelpunkt, wann sich Anbieter überhaupt noch wirksam verteidigen können.
Kurz gefasst: Die Stellungnahme von Generalanwalt Nicholas Emiliou stärkt deutsche Wettverlust-Klagen gegen Anbieter ohne deutsche Lizenz. Zugleich wird die bisher oft genutzte Standardverteidigung deutlich enger.
Warum die Stellungnahme für deutsche Wettverlust-Klagen wichtig ist
Der Kern der neuen Stellungnahme ist für die Branche unangenehm klar: Ein Anbieter, der auf einem nationalen Markt ohne die dort erforderliche Lizenz tätig war, kann grundsätzlich verpflichtet sein, die von Spielern eingesetzten Beträge zurückzuzahlen. Genau diese Linie hat Generalanwalt Nicholas Emiliou am 19. März 2026 in seiner Stellungnahme im Fall Tipico vertreten. Damit wird die deutsche Debatte über historische Verluste nicht neu eröffnet, sondern rechtlich enger gezogen.
Was sich durch das EU-Gutachten verschiebt
- Ein Mitgliedstaat darf im Glücksspielbereich grundsätzlich eine eigene nationale Lizenz verlangen.
- Fehlt diese Erlaubnis, können nationale Gerichte daraus zivilrechtliche Folgen ableiten.
- Der bloße Hinweis auf Mängel des alten deutschen Lizenzsystems reicht nicht mehr automatisch als Verteidigung.
- Entscheidend wird stärker die konkrete Frage, ob Behörden eine vorübergehende Duldung signalisiert haben.
Über Jahre lief die Gegenargumentation vieler Betreiber in dieselbe Richtung: Das frühere deutsche Lizenzsystem für Sportwetten sei selbst so fehlerhaft gewesen, dass aus dem Fehlen einer nationalen Lizenz keine klaren zivilrechtlichen Folgen abgeleitet werden dürften. Genau diesen pauschalen Ansatz hat Emiliou nun nicht übernommen. Nach seiner Sicht darf ein Mitgliedstaat im Glücksspielbereich grundsätzlich eine eigene nationale Erlaubnis verlangen. Wenn ein Anbieter ohne diese Erlaubnis tätig war, dürfen nationale Gerichte daraus auch zivilrechtliche Konsequenzen ableiten.
Das ist vor allem deshalb relevant, weil das frühere deutsche Modell nur 20 Lizenzen vorsah und die Vergabe nach gerichtlichen Auseinandersetzungen nie zu einem stabilen Abschluss kam. Tipico gehörte zu den Unternehmen, die von diesem konfliktreichen Übergang betroffen waren. Eine deutsche Sportwettenlizenz erhielt das Unternehmen erst am 9. Oktober 2020 im Rahmen eines neuen Verfahrens. Die breitere moderne Marktordnung folgte dann mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021, der am 1. Juli 2021 in Kraft trat.
Der Knackpunkt: Die alte Standardverteidigung trägt nicht mehr ohne Weiteres. Betreiber müssen deutlich konkreter darlegen, warum sie trotz fehlender deutscher Lizenz auf eine rechtliche Entlastung hoffen können.
Warum der Fall Tipico über den Einzelfall hinausgeht
Der Ausgangsfall betrifft einen deutschen Verbraucher, der Verluste aus dem Zeitraum 2013 bis 9. Oktober 2020 zurückfordert. Tipico verfügte in dieser Phase über eine maltesische Lizenz, aber nicht über die nach deutschem Recht erforderliche deutsche Lizenz. Nach deutschem Recht kann ein unerlaubtes Sportwettenangebot dazu führen, dass solche Verträge als nichtig gelten und zugleich deliktsrechtliche Ansprüche entstehen. Gerade deshalb reicht die Wirkung des Falls über einen einzelnen Anbieter hinaus.
Die enge Tatsachenfrage rückt ins Zentrum
Das Gutachten eröffnet den Betreibern nur noch einen schmalen Ausweg. Eine Entlastung kommt nach Emiliou dann in Betracht, wenn ein Unternehmen wegen Mängeln im Lizenzverfahren keine Erlaubnis erhalten konnte und staatliche Stellen ihm zugleich klar signalisiert haben, dass die Lizenzpflicht vorübergehend nicht durchgesetzt werde. Der Fokus verschiebt sich damit weg von der allgemeinen Kritik am alten System und hin zu einer konkreten Beweisfrage: Gab es belastbare Zusicherungen der Behörden oder nicht.
Für die nächsten Verfahren ist noch ein weiterer Punkt wichtig. Im Januar 2026 stellte der EuGH in einem anderen grenzüberschreitenden Online-Glücksspielfall klar, dass der Schaden bei deliktischen Ansprüchen grundsätzlich dort eintritt, wo der Spieler seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat. Das entscheidet die deutschen Rückforderungsklagen nicht automatisch, stärkt aber ihre prozessuale Logik zusätzlich.
Die eigentliche fachliche Folge des neuen Gutachtens ist daher weniger ein sofortiger Sieg der Kläger als eine präzisere Konfliktlinie: Wer ohne Lizenz tätig war, kann sich nicht mehr so leicht hinter der bloßen Unordnung des alten Systems verstecken.
